Trans Europa Express (Remaster) [Vinyl LP]


 
Europäisch, romantisch, hypnotisch
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

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(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Trans Europa Express (Remaster) (Audio CD) Als Kraftwerk 1975 mit der Single "Autobahn" und ihrer gleichnamigen vierten Langspielplatte weltweit einen nie erwarteten Sensationserfolg feierten, waren sie eigentlich noch ziemlich langweilige Hippies, die Deutsch 'sangen' und mit elektronischen Tonerzeugern herumspielten.

Mit dem nächsten Album RADIO-AKTIVITÄT änderten sich dann sowohl die Länge ihrer Frisuren als auch ihr gesamtes Image ziemlich radikal. Auf einmal waren da auch massive Anzeichen für den künftigen völligen Verzicht auf herkömmliche Instrumente, und ihre Musik klang noch 'technischer' und damit auch kälter. Zudem veröffentlichten Kraftwerk erstmals eine Platte sowohl in einer deutschen als auch in einer englischsprachigen Version.

Trotzdem vermochte RADIO-AKTIVITÄT den Erfolg von AUTOBAHN in keiner Weise zu wiederholen. Weder in England noch in den USA erreichte das Album die Charts, während in Deutschland immerhin Platz 22 heraussprang. Das als Single ausgekoppelte Titelstück, gleichzeitig mit Abstand der beste und eingängigste Titel auf der Scheibe, wurde seltsamerweise ein Flop und konnte sich nicht in den Verkaufshitparaden platzieren.

Davon unbeeindruckt machten sich die vier Jungs aus Düsseldorf an die Arbeit für ihr nächstes Album TRANS EUROPA EXPRESS, das dann 1977, in einem absolut explosiven Jahr für die Rockmusik und ihr gesamtes Umfeld, erschien. Punk ruled, und New Wave machte sich bereits auf den Weg, ihn abzulösen. Alles, was bis dahin angesagt gewesen war, schien in einem gewaltigen Strudel hinfort gerissen zu werden. Würde auch Kraftwerk dieses Schicksal ereilen, oder würden sie sich gar an die Spitze des Strudels begeben?

In jedem Fall war TEE ihr bis dahin mit Abstand reifstes und melodischstes Album. Teilweise hatte es eine geradezu romantische Anmutung; sehr europäisch eben.

Der Opener "Europa Endlos" ("Europe Endless") ist fast zehn Minuten lang und zieht den Hörer nach etwas länglichem Auftakt wie magisch in seinen Bann. Mit wenigen Worten wird die Vision eines schrankenlosen eben 'endlosen' Kontinents beschworen, wie er heute fast Realität ist. An die wundersame Erweiterung in Richtung Osten haben aber selbst Kraftwerk wohl damals noch nicht gedacht. Ein großartiges, geradezu episches Stück Elektro-Pop mit kurzen Anleihen bei Ravels "Bolero".

"Spiegelsaal" ("The Hall of Mirrors") ist ein Stück mit für Kraftwerk ungewöhnlich viel (gesprochenem) Text über einen Mann, der das äußere und innere Bild seiner Persönlichkeit verändert hat, um ein Star zu werden. Und nun findet er sich selbst nicht wieder. 'Manchmal sah er sein wirkliches Gesicht / und manchmal einen Fremden, den kannte er nicht'.

"Schaufensterpuppen" ("Showroom Dummies") kommt, vor allem im Refrain, ein wenig härter, fast abgehackter daher, bietet aber ebenso die für Kraftwerk so typischen, wunderschönen kleinen Melodien. 1982, kurz nach ihrem dortigen Nummer-1-Smash "Computer World"/"The Model", wurde es in England ein kleinerer Hit.

Seite 2 der LP begann mit dem famosen Titelstück "Trans Euorpa Express" ("Trans-Europe Express"), das zwar in einer sinnvoll gekürzten (und daher fast besseren) Version in Deutschland völlig zu Recht als Single ausgekoppelt wurde, aber völlig zu Unrecht kein Hit wurde. Komischerweise kam es 1978 ausgerechnet in den USA in die Singlecharts. Legendär sind hier nicht nur die Worte 'Wir laufen ein in Düsseldorf City / und treffen Iggy Pop und David Bowie'.

"TEE" ging in das Instrumentalstück "Metall auf Metall" ("Metal on Metal") über, das genauso klingt, wie es heißt, und diversen späteren Bands zum Vorbild gereichte. Stellvertretend seien hier nur die Einstürzenden Neubauten und Depeche Mode genannt. Schön laut gehört, bietet es ein fast schon rauschhaftes Erlebnis. Leider ist es für meinen Geschmack fast ein wenig zu kurz.

"Abzug" ist eine Wiederaufnahme des "TEE"-Themas, zieht sich aber für meinen Geschmack nach dem Motto 'Hoch lebe die Repetition' mindestens eine Minute zu lange hin.

Das sanfte, aber auch ein wenig unscheinbare "Franz Schubert" erinnert in keinster Weise an dessen musikalisches Werk. Meine Vermutung, dass 'Franz Schubert' eventuell ein so getaufter Zug der TEE-Flotte war, hat sich ebenfalls nicht bestätigt.

"Endlos Endlos" ("Endless Endless") setzt den Rhythmus des vorherigen Stückes fort und nimmt zugleich das Thema des Auftaktstückes noch einmal kurz wieder auf.

TRANS EUROPA EXPRESS ist das einzige Kraftwerk-Album, das ich sehr gerne von Anfang bis Ende durchhöre. Es hat etwas Hypnotisches, aber fast ohne dabei jemals langweilig zu werden. Das Remaster von 2009 klingt großartig in der Tiefe und nimmt den gelegentlich auftauchenden hohen Synthesizer-Tönen, soweit ohne Identitätsverlust möglich, ein wenig das Nervende.

Heute gilt TEE zu Recht als das insgesamt wohl ausgewogenste und stilprägendste Album der Band. 1977 ging es hingegen leider ziemlich unter: lediglich Platz 32 in Deutschland und erneut keine Platzierung in den englischen und amerikanischen Charts. Dort galten Kraftwerk zu jener Zeit noch als 'oddity', als kuriose, etwas seltsame Formation - und als Eintagsfliege. Das sollte sich später gewaltig ändern.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 17. Juni 2011
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